Neue PflegekonzepteAusgabe, 2009/07
Die Pflegeversicherung ist sicher eine der ganz großen sozialen Errungenschaften, aber sie hat auch Mängel, die nach mehr als einem Jahrzehnt Praxis mit dieser neuen Versicherung deutlich werden.
Das ist der "Geburtsfehler" von Beginn an, dass die Pflegeversicherung der Krankenversicherung folgt. Also: Wer in der GKV versichert ist, ist dort auch pflegeversichert, wer in der PKV versichert ist, muss dort auch sein Pflegerisiko versichern. In der PKV sind nun die Einkommensstarken und im Schnitt gesünderen und jüngeren Versicherten. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass es lange möglich war, auch noch in späteren Erwerbsalter in die GKV zu wechseln, nachdem man in seinen aktiven und gesunden Jahren die niedrigeren Prämien der PKV "mitgenommen" hat. Das hat der Gesetzgeber zwar beendet, aber die Folgen bleiben: Die Risiken zwischen der Pflegeversicherung in der GKV und der PKV sind ungleich verteilt. Die einen häufen Überschüsse in Milliardenhöhe auf, die anderen werden absehbar hohe Defizite haben, wenn der Beitragssatz nicht erhöht wird. Deshalb muss die politische Forderung sein, die getrennten Risiken in einer Pflegeversicherung zusammenzuführen, zumindest aber die Pflegeversicherung der PKV an einem Risikostrukturausgleich zu beteiligen. Ein anderes Problem wir mit einer älter werdenden Bevölkerung auch immer deutlicher: Pflegebedarf wird nicht nur dadurch ausgelöst, dass ein Mensch die alltäglichen Dinge nicht mehr selber verrichten kann, sondern wachsende Zahlen von Menschen mit altersbedingter Demenz machen es nötig, die soziale Betreuung zum Leistungsgrund zu machen. Dazu hat eine Kommission im Auftrag des Gesundheitsministeriums Vorschläge vorgelegt, die aber erst nach der Wahl in das Gesetzgebungsverfahren eingehen werden. Die Vorschläge sind hilfreich, aber der Knackpunkt ist natürlich, dass mehr Leistungen auch höhere Kosten zur Folge haben werden. Der Gesundheitsausschuss im Verwaltungsrat der BARMER hatte auf einer Klausurtagung Prof. Dr. Klaus Dörner zu Gast. Er hat den Horizont noch einmal viel weiter gezogen und in Frage gestellt, ob die stationäre Pflege in Heimen die richtige Antwort ist. Seine Antwort ist ein klares Nein: Alte Menschen wollen nicht in Heimen leben, aber es gibt auch immer weniger Menschen, die in Heimen als Pfleger arbeiten wollen. Seine Alternative sind neue Wohnund Betreuungsformen in Wohnortnähe, die eine gute Versorgung sichern, aber auch eher bezahlbar sind. Familiäre nachbarschaftliche und professionelle Hilfe müssen in ganz neuer Weise miteinander verknüpft werden. Er nennt das den "Dritten Sozialraum", also ein Versorgungsform zwischen dem privaten Raum und dem öffentlichen Raum, zu dem er auch Pflegeheime und andere Einrichtungen des Sozialstaates zählt. Für die BARMER-VV wird das ein Thema sein, an dem wir dran bleiben. Sehr lesenswert dazu das Buch von Klaus Dörner mit dem Titel "Leben und sterben, wo man hingehört". |
|


